Eine kurze Geschichte des Breathwork

Von Wilhelm Reich über Rebirthing und holotropes Atmen bis heute: Wie sich Breathwork entwickelt hat – und warum ich mit Containment statt Katharsis arbeite.

8/4/20265 min lesen

Breathwork Facilitator begleitet Mensch durch traumasensible Breathwork Session
Breathwork Facilitator begleitet Mensch durch traumasensible Breathwork Session

Wenn ich mit Menschen über meine Arbeit spreche, kommen oft ähnliche Fragen: „Ist das so wie holotropes Atmen?" Oder Erfahrungen: „Ich war mal auf einem Festival bei einer Rebirthing-Session, das war krass – total intensiv, laut, viele haben geweint oder geschrien."

Vielleicht kennst du das auch. Breathwork ist in den letzten Jahren bekannter geworden – gerade in spirituellen oder therapeutischen Kreisen hat fast jeder schon mal davon gehört. Was den meisten dabei nicht klar ist: Breathwork ist nicht gleich Breathwork. Es gibt teils gravierende Unterschiede, wie Atemräume angeleitet und gehalten werden.

Um diese Unterschiede zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück – zu den Ursprüngen der modernen Atemarbeit. Genau das schauen wir uns in diesem Artikel an. Und ich zeige dir, wo ich mit meiner Arbeit in dieser Landschaft stehe – und warum ich einen anderen Weg gehe als die meisten Facilitator es bis heute tun.

Alle diese Schulen verbinden vor allem zwei Dinge.

Zum einen die Atemtechnik selbst: ein vertiefter, kontinuierlicher und verbundener Atemrhythmus – also ohne Pausen zwischen Ein- und Ausatmung – über einen längeren Zeitraum, oft zwischen 30 und 90 Minuten.

Zum anderen ein gemeinsamer Kerngedanke: Durch intensives Atmen sollen emotionale Blockaden durchbrochen, Körperspannungen gelöst und traumatische Erfahrungen wiederdurchlebt und dadurch verarbeitet werden.
In einem Wort lässt sich das unter dem Begriff Katharsis zusammenfassen.

Von der Couch zum Körper: Wilhelm Reich

Seine Schüler Alexander Lowen und John Pierrakos entwickelten das in den 1950er-Jahren zur Bioenergetik weiter.
Die Idee dahinter: den natürlichen Energiefluss im Körper wiederherzustellen – wozu sie unter anderem den verbundenen Atemfluss mit Körperübungen kombinierten.

In den 1970er-Jahren entstand dann, im Zuge der Humanistischen Psychologie und der Esalen-Bewegung, die Praxis des verbundenen Atmens in ihrer heutigen Form.

Zu Zeiten Sigmund Freuds fand Veränderung in der Psychoanalyse fast ausschließlich über das Sprechen statt – durch freie Assoziation und die Deutung des Unbewussten. Der Körper spielte darin praktisch keine Rolle. Wilhelm Reich war einer der ersten, der diesen blinden Fleck sah: Er beobachtete, dass sich seelische Abwehr nicht nur im Denken, sondern auch im Körper festsetzt – als chronische Muskelspannung, die er „Panzerung" nannte.

Konkret beobachtete Reich in den 1930er-Jahren, dass Menschen ihre Emotionen unterdrücken, indem sie flach atmen bzw. den Atem anhalten. Er war der erste westliche Therapeut, der gezielt den verbundenen Atemfluss in seiner Atem-Körpertherapie einsetzte, um chronische Verspannungen zu lösen und angestaute Emotionen freizusetzen.

Leonard Orr nutzte das zirkuläre Atmen, zu Beginn oft in warmen Badewannen, um Geburtstraumata oder frühe Kindheitserinnerungen zu reaktivieren und zu verarbeiten. Er gab dem Ganzen den Namen Rebirthing. Grundlegend für seinen Ansatz war die Annahme, dass die Geburt als erste große Prägung „persönliche Gesetze" im Nervensystem verankert – Muster, die das gesamte spätere Leben stärker bestimmen sollen als jedes Erlebnis danach. Durch das Nacherleben dieser frühen Prägung im Atemprozess sollten sich diese Muster erkennen und verändern lassen.

Ungefähr zur gleichen Zeit suchte der Psychiater Stanislav Grof nach einer Alternative zu LSD, das er in seiner Psychotherapie eingesetzt hatte, bevor es kurz zuvor verboten wurde. Er entdeckte, dass sich durch verbundenes Atmen ebenso veränderte, vertiefte Bewusstseinszustände erreichen ließen, und kombinierte rhythmisch verbundenes Atmen mit evokativer Musik und Körperarbeit. Er nannte seine Methode holotropes Atmen. Grundlage seines Ansatzes war die Überzeugung, dass in jedem Menschen eine innere Weisheit liegt, die den Heilungsprozess von selbst steuert – sobald man ihr genug Raum gibt. (Artikel: Die Kraft des Atems) Anders als Reich, der gezielt an Körperspannung arbeitete, vertraute Grof also stärker darauf, den Prozess einfach laufen zu lassen.

In meiner Arbeit mit dem Atem orientiere ich mich an einem Ansatz, der vor allem in traumaspezifischen Methoden wie NARM oder SE angewendet wird und sich unter dem Begriff Containment zusammenfassen lässt.

Containment heißt hier: statt eine möglichst intensive Erfahrung produzieren zu wollen, einen Durchbruch zu erlangen oder Blockaden lösen zu wollen, nähern wir uns Stück für Stück den Stellen in dir, die dem im Wege stehen, was du dir eigentlich von Herzen wünschst. Widerstände sind wertvolle Teile des Prozesses und kein Hindernis, das aus dem Weg geräumt werden muss. So kann dein System die Erfahrung machen, dass es heute die Kapazität hat, Gefühle zu halten, die früher zu überwältigend waren und abgeschnitten wurden. Dadurch kannst du dich auf eine neue Weise auf deine inneren Dynamiken beziehen und bekommst die Möglichkeit andere Entscheidungen zu treffen.

man in blue dress shirt sitting on yellow chair talking psychotherapy
man in blue dress shirt sitting on yellow chair talking psychotherapy

Aus der Pionierarbeit von Grof und Orr entstanden im Verlauf der 1980er-, 90er- und 2000er-Jahre zahlreiche weitere Atemschulen im amerikanischen Raum. Über den Arzt Rüdiger Dahlke kam das verbundene Atmen dann auch erstmals nach Deutschland.

Der Begriff stammt ursprünglich aus der griechischen Tragödientheorie und wurde von Breuer und Freud in die Psychotherapie übertragen: Die Grundidee dahinter ist, dass sich aufgestaute Emotion wie unter Druck stehende Energie durch intensives Wiedererleben und Ausdrücken entladen lässt – und dass genau diese Entladung heilsam wirkt.

Katharsis sieht von außen intensiv aus, und man denkt leicht: „Wow, da passiert wirklich was." Vor allem in einer Zeit, in der Affekte tendenziell verflachen, viele Menschen keinen guten Zugang zu ihren Gefühlen haben und Depression zu einem der häufigsten Krankheitsbilder zählt, kann man sich davon leicht angezogen fühlen und denken: „Das will ich auch."

Und ja – in kathartischen Breathwork-Sessions passiert oft sehr viel. Leider manchmal auch zu viel. Ich habe schon viele Geschichten von Menschen gehört, die überwältigende Erfahrungen in Breathwork-Sessions gemacht haben – und habe es auch selbst erlebt. Teilweise können dabei sogar Retraumatisierungen entstehen, vor allem dann, wenn Begleiter kein fundiertes Wissen über Traumadynamiken haben.

Dass Menschen ihren Atem nutzen, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern, Stress zu verarbeiten oder in veränderte Bewusstseinszustände zu kommen, ist dabei keine neue Entdeckung. Pranayama, Sufismus, Taoismus, schamanische Kulturen – die Liste der Traditionen in denen die bewusste Atemarbeit eine Bedeutung hatte ist lang. Wie alt der Atem als Werkzeug tatsächlich ist, habe ich in diesem Artikel beleuchtet.

Den Atem gezielt therapeutisch bzw. für innere Arbeit einzusetzen – für Traumaverarbeitung, emotionale Vervollständigung, neue Erkenntnisse über das eigene Leben oder transzendentale Erfahrungen – ist dagegen noch gar nicht so alt.

Der Beginn dieser Geschichte liegt gerade mal hundert Jahre zurück.

Zwei Pioniere: Leonard Orr und Stanislav Grof

Was alle diese Schulen verbindet

Mein Ansatz: Containment statt Karthasis

a woman expressing intense emotions
a woman expressing intense emotions

Das gelingt in der Regel nicht allein, denn genau das hat damals gefehlt: jemand, der mithält, während man selbst noch nicht konnte. Die Erfahrung von Containment entsteht deshalb meist erst im Kontakt mit jemandem, der die Kapazität mitbringt, wenn die eigene gerade nicht reicht.

Das ist der Ansatz, mit dem ich heute arbeite: nicht möglichst viel aufwühlen, sondern gemeinsam mit dir einen Rahmen finden, in dem sich zeigen darf, was da ist, ohne dass es dich überrennt. Kein Durchbruch um jeden Preis, sondern innerer Kontakt, der sich nachhaltig verankert.

Wenn du neugierig bist, wie sich das in einer Einzelbegleitung konkret anfühlt, können wir uns in einem unverbindlichen Erstgespräch anschauen, ob das dein Weg ist.

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